Text des Monats

Mai 2021

Zerstören und aufbauen

Ich werde nach Guncan-Gima eingeladen, wo es einen Zen-buddhistischen Tempel gibt. Als ich dort ankomme, bin ich überrascht: Das wunderschöne Gebäude liegt mitten in einem riesigen Wald, doch gleich daneben erstreckt sich ein ausgedehntes Ödland.

Ich frage nach dem Grund dieses Stückes Land und erhalte zur Antwort: Das ist der zukünftige Bauplatz.
Alle zwanzig Jahre zerstören wir den Tempel, den Sie dort sehen, und bauen daneben einen neuen. Dadurch erhalten die Mönche - Zimmerleute, Maurer, Architekten - die Gelegenheit, ihr Handwerk zu pflegen und ihren Lehrlingen weiterzuvermitteln. Und gleichzeitig erinnert er uns daran, dass nichts im Leben ewig ist - denn sogar die Tempel befinden sich in einem ständigen Prozess der Vervollkommnung.

(aus: Paulo Coelho: Sei wie ein Fluß, der still durch dei Nacht strömt. Zürch 2006, S. 152)

April 2021

Käfig ohne Gitter

Ein Bär ging in seinem sechs Meter langen Käfig hin und her.
Als die Gitterstäbe nach fünf Jahren entfernt wurden, ging der Bär weiterhin diese sechs Meter hin und her, als ob der Käfig noch da wäre. Für ihn war er da!

(gefundne in: Anthony de Mello, Zeiten des Glücks. Freiburg 2003, S. 19)

März 2021

Der Schlüssel zum Himmel (eine Geschichte aus Indien)

In seiner Allmacht erschuf Gott die Welt aus sich selbst heraus, um damit spielen zu können. Ihm war alleine langweilig geworden. Die ersten Wesen, die er schuf, kehrten jedoch sehr schnell von der Erde zurück in den Himmel zu Gott, da es ihnen hier besser gefiel. Die war für Gott nicht so unterhaltend, und er überlegte, ob er den Himmel abschließen und den Schlüssel verstecken sollte. Was war nun aber ein gutes Versteck? Vielleicht der höchste Gipfek der Berge oder der Mond oder ein anderes der Gestirne? Gott schaute in die Zukunft und sah voraus, dass der Mensch all dies erforschen und ergründen würde. Dann wurde ihm auf einmal klar, wo die Menschen ihn und den Himmelsschlüssel am wenigsten suchen würden: Lieber würde der Mensch alle Strapazen auf sich nehmen, um in die entferntesten Winkel zu erforschen, als dass er den kleinen Weg in sich selbst hineinginge, um sein eigenes inneres Sein zu ergründen. Seit dieser Zeit hat Gott ein himmlisches Vergnügen, die Menschen zu beobachten, wie sie nach Zufriedenheit, wahrem Erfolg und Glück suchen.

(gefunden in: Lothar J. Seiwert, Wenn Du es eilig hast, gehe langsam. Frankfurt 2000, S. 110)

Februar 2021

Bald ist es wieder soweit.

Der Indianer und die beiden Wölfe

Ein alter Indianer erzählte seinem Enkel von einer großen Tragödie, die sich vor langer Zeit in seinem Leben ereignet hatte.
Er sagte ihm: "Diese Tragödie beschäftigt mich heut noch, nach vielen Jahren."
Der Enkel fragte: "Was fühlst Du Großvater, wenn Du heute an diese Tragödie denkst?" Und der Alte antwortete: "Es ist, als ob zwei Wölfe in meinem Herzen miteinander ringen. - Der eine Wolf ist rachsüchtigt und gewalttätig, der andere ist großmütig und liebevoll."
Nun fragte der Enkel: "Welcher Wolf wird den Kampf gewinnen?" Der Alte antwortete: "Der den ich füttere!"

Indianische Geschichte, Quelle unbekannt

 

Januar 2021

Eine daoistischen Geschichte

Ein Mann lebte an der Nordgrenze Chinas. Eines Tages rannte sein Pferd ohne ersichtichen Grund zu den Nomaden jenseits der Grenze. Alle versuchten ihn zu trösten, aber sein Vater sagte: "Wieso seid ihr so sicher, dass es kein Segen ist?" Ein paar Monate später kam sein Pferd zurück und brachte einen prächtigen Nomadenhengst mit. Alle beglückwünschten ihn, aber sein Vater sagte: "Wieso seid ihr so sicher, dass es keine Katastrophe ist?" Ihr Haushalt war um ein edles Pferd bereichert, auf dem der Sohn liebend gern ritt. Eines Tages stürzte er und brach sich die Hüfte. Alle versuchten ihn zu trösten, aber sein Vater sagte: "Wieso seid ihr so sicher, dass es kein Segen ist?"
Ein Jahr später kamen die Nomaden mit Gewalt über die Grenze, und alles gesunden Männer nahmen Pfeil und bogen und zogen in die Schlacht. Die chinesischen Grenzkämpfer verloren neun aus jeder Zehnerschar. Nur weil der Sohn lahm war, blieben Vater und Sohn am Leben und kümmerten sich umeinander. Wahrlich, Segen wird zur Katastrophe und Katastrophe zu Segen. Der Wandel nimmt kein Ende, und das Geheimnis lässt sich nicht ergründen.


(gefunden in: Geschichten, die der Seele gut tun. Hg. von Jack Kornfield und Christina Feldman, Freiburg 1998)