Januar 2021

Eine daoistische Geschichte

Ein Mann lebte an der Nordgrenze Chinas. Eines Tages rannte sein Pferd ohne ersichtichen Grund zu den Nomaden jenseits der Grenze. Alle versuchten ihn zu trösten, aber sein Vater sagte: "Wieso seid ihr so sicher, dass es kein Segen ist?" Ein paar Monate später kam sein Pferd zurück und brachte einen prächtigen Nomadenhengst mit. Alle beglückwünschten ihn, aber sein Vater sagte: "Wieso seid ihr so sicher, dass es keine Katastrophe ist?" Ihr Haushalt war um ein edles Pferd bereichert, auf dem der Sohn liebend gern ritt. Eines Tages stürzte er und brach sich die Hüfte. Alle versuchten ihn zu trösten, aber sein Vater sagte: "Wieso seid ihr so sicher, dass es kein Segen ist?"
Ein Jahr später kamen die Nomaden mit Gewalt über die Grenze, und alles gesunden Männer nahmen Pfeil und bogen und zogen in die Schlacht. Die chinesischen Grenzkämpfer verloren neun aus jeder Zehnerschar. Nur weil der Sohn lahm war, blieben Vater und Sohn am Leben und kümmerten sich umeinander. Wahrlich, Segen wird zur Katastrophe und Katastrophe zu Segen. Der Wandel nimmt kein Ende, und das Geheimnis lässt sich nicht ergründen.


(gefunden in: Geschichten, die der Seele gut tun. Hg. von Jack Kornfield und Christina Feldman, Freiburg 1998)